Warum die neue Kreislaufwirtschaftsstrategie auch die Landwirtschaft betrifft
Am 3. Juni 2026 hat das Bundeskabinett ein Aktionsprogramm zur Umsetzung der Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie beschlossen [1.]. Ziel ist es, Ressourcen besser zu schonen, die Umwelt zu schützen und Deutschland unabhängiger von Rohstoffimporten zu machen. Das Programm nennt unter anderem eine Plattform für relevante Akteure, Investitions- und Innovationsförderung, digitale Produktpässe, KI-Anwendungen für Kreislaufwirtschaft und Ressourceneffizienz sowie die Weiterentwicklung des rechtlichen Rahmens.
Das ist ein wichtiger Schritt. Gerade in Zeiten unsicherer Lieferketten, steigender Rohstoffpreise und wachsender geopolitischer Abhängigkeiten ist Kreislaufwirtschaft nicht nur Umweltpolitik. Sie ist Standortpolitik, Rohstoffpolitik und Innovationspolitik zugleich.
Doch wenn von Kreislaufwirtschaft gesprochen wird, denken viele zuerst an Recyclinghöfe, Metalle, Kunststoffe, Batterien oder Baustoffe. Das ist nachvollziehbar, denn technische Stoffkreisläufe sind für Industrie, Infrastruktur und Ressourcensicherheit zentral.
Aber Kreislaufwirtschaft beginnt nicht erst beim Recycling, sondern bei der Frage, wie Stoffe überhaupt durch Produktionssysteme wandern – und ob sie dort als Abfall enden oder als Grundlage für den nächsten Prozess nutzbar sind.
Was sagt die Kreislaufwirtschaftsstrategie?
Die Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie versteht Kreislaufwirtschaft nicht nur als Umweltprogramm, sondern auch als Beitrag zur Rohstoffsicherung, zur Stärkung von Lieferketten, zur Wettbewerbsfähigkeit und zur Resilienz des Wirtschaftsstandorts Deutschland.
Ziel ist es, den Verbrauch primärer Rohstoffe zu senken, Stoffkreisläufe zu schließen und Materialien möglichst lange im Wirtschaftssystem zu halten.
Dazu setzt die Strategie auf mehrere Hebel: Innovations- und Investitionsförderung, digitale Produktpässe, zirkuläre industrielle Datenräume, KI-Anwendungen, eine stärkere öffentliche Beschaffung zirkulärer Produkte sowie die Weiterentwicklung des rechtlichen Rahmens. Ein weiterer wichtiger Bestandteil ist die geplante Plattform für Kreislaufwirtschaft. Dort sollen Bund, Länder und Kommunen, Wirtschaft, Zivilgesellschaft, Kultur und Wissenschaft regelmäßig zusammenkommen, um die Umsetzung der Strategie zu begleiten und weiterzuentwickeln.
Damit adressiert das Programm zunächst vor allem technische Kreisläufe. Materialien sollen länger genutzt, wiederverwendet, repariert, recycelt oder als Sekundärrohstoffe zurückgewonnen werden. Das ist wichtig und richtig.
Gleichzeitig zeigt schon die rechtliche Definition im deutschen Kreislaufwirtschaftsgesetz, wie stark der Begriff bislang vom Abfallrecht geprägt ist. Dort heißt es in § 3 Absatz 19: „Kreislaufwirtschaft im Sinne dieses Gesetzes sind die Vermeidung und Verwertung von Abfällen.“ Für eine umfassende Kreislaufwirtschaft reicht dieser Blick jedoch nicht aus. Denn biologische Kreisläufe beginnen nicht erst beim Abfall. Sie beginnen dort, wo Nährstoffe, Wasser, Energie und Biomasse überhaupt durch ein Produktionssystem geführt werden.
Die Natur kennt keinen Abfall
In natürlichen Ökosystemen gibt es keinen Abfall im eigentlichen Sinn. Was für den einen Organismus ein Reststoff ist, wird für den nächsten zur Ressource. Pflanzen, Tiere, Pilze, Mikroorganismen und Bakterien bilden keine linearen Produktionsketten, sondern Stoffwechselzusammenhänge.
Blätter fallen ab und werden zersetzt. Mikroorganismen machen Nährstoffe verfügbar. Pflanzen nehmen diese Nährstoffe wieder auf. Tiere fressen Pflanzen oder andere Tiere. Ausscheidungen, abgestorbene Biomasse und organische Reststoffe werden erneut Teil des Systems. Aus dieser Perspektive ist Kreislaufwirtschaft kein neues Prinzip. Sie ist ein Grundmuster des Lebens.
Die moderne Wirtschaft versucht nun, technische Systeme nach diesem Prinzip umzubauen. Produkte sollen nicht mehr nach einmaliger Nutzung entsorgt, sondern in Stoffkreisläufen geführt werden. In der Landwirtschaft liegt dieses Prinzip jedoch viel näher. Sie arbeitet seit jeher mit biologischen Stoffströmen: Wasser, Nährstoffen, Biomasse, Futter, Dung, Bodenleben, Pflanzenwachstum und tierischer Produktion.
Deshalb ist Landwirtschaft für Kreislaufwirtschaft prädestiniert.
Wo Kreislaufwirtschaft ursprünglich zuhause war
Historisch waren landwirtschaftliche Betriebe stärker in lokale Kreisläufe eingebunden. Pflanzenreste, Mist, Kompost, Futter, Einstreu und Bodenfruchtbarkeit standen in einem direkten Zusammenhang. Der Hof war nicht vollständig geschlossen, aber viele Stoffströme blieben innerhalb des Betriebs oder der Region.
Mit Spezialisierung, Intensivierung und globalisierten Lieferketten wurden viele dieser Zusammenhänge aufgelöst oder ausgelagert. Futtermittel kommen von außen. Dünger wird industriell hergestellt oder über große Entfernungen transportiert. Tierhaltung, Pflanzenbau, Energieproduktion und Nährstoffmanagement sind oft voneinander getrennt.
Dadurch entstehen hohe Produktivität, aber auch neue Abhängigkeiten und Verluste.
Im offenen Erdanbau lassen sich Nährstoffverluste nie vollständig vermeiden. Regen, Bodenstruktur, Witterung, Auswaschung und biologische Prozesse führen dazu, dass Stoffströme nicht komplett kontrollierbar sind. Das ist kein Fehler einzelner Betriebe, sondern eine Eigenschaft offener Systeme.
Aquaponik macht Stoffströme sichtbar
Aquaponik verbindet Aquakultur und Pflanzenproduktion in einem gekoppelten System. Fische werden gefüttert und wachsen. Ihre Ausscheidungen gelangen ins Wasser. Mikroorganismen wandeln diese Stoffe in pflanzenverfügbare Nährstoffe um. Die Pflanzen nehmen die Nährstoffe auf. Das gereinigte Wasser wird wieder zur Aquakultur zurückgeführt [2].
Was in einem linearen System Belastung oder Abfall ist, wird im Kreislauf zur Grundlage neuer Produktion.
Aquaponik macht damit Stoffströme sichtbar, die in anderen Systemen oft verborgen bleiben. Der Stickstoffkreislauf ist kein abstrakter biologischer Prozess mehr, sondern wird zur technischen und betrieblichen Realität: Futter wird zu Fischwachstum, Fischstoffwechsel wird zu Pflanzennährstoff, Pflanzennährstoff wird zu Gemüse, Kräutern oder Salat.
Wer Stoffströme versteht, beginnt Landwirtschaft anders zu denken. Denn dann geht es nicht mehr nur um einzelne Produkte, sondern um Beziehungen: zwischen Wasser und Nährstoffen, zwischen Fischen und Pflanzen, zwischen Mikroorganismen und Ertrag, zwischen Input und Output.
Aquaponik als Ausgangspunkt für gekoppelte Kreisläufe
Aquaponik beschreibt zunächst den Kreislauf zwischen Fischen, Bakterien und Pflanzen. Aber sie endet dort nicht, sondern wird zur Drehtür für weitere Kreisläufe.
Pflanzenreste können als Input für weitere biologische Prozesse dienen. Insektenlarven können organische Reststoffe verwerten und daraus proteinreiche Biomasse bilden. Diese kann wiederum in Futtermittelströme eingebunden werden. Geflügel kann Teil angrenzender Stoffflüsse werden. Hühnermist kann in Biogasprozesse einfließen oder nach entsprechender Aufbereitung erneut als Nährstoffquelle betrachtet werden. Regenwasser kann den Wasserbedarf reduzieren. Abwärme aus einem Biogas-BHKW kann Aquakultur und Pflanzenproduktion temperieren und den nötigen Strom bereitstellen.
Die in der Abbildung dargestellten Kreisläufe sind keine reine Zukunftsvision. Viele dieser Stoffstromverbindungen existieren bereits heute in Forschung, Praxis oder angrenzenden landwirtschaftlichen Systemen. Entscheidend ist nicht, dass jede Anlage alle Module enthält. Entscheidend ist, welche Stoffströme vor Ort sinnvoll verbunden werden können.
Aquaponik schafft einen produktiven Kernkreislauf. Von dort aus lassen sich weitere Module anschließen: Insektenlarven, Geflügel, Biogas, Pilze, Kompostierung, Vermikultur oder andere Formen biologischer Verwertung. So wird aus einem Produktionssystem eine Kreislaufarchitektur.
Aus Rohstoffen werden Stoffströme
Je konsequenter Kreisläufe gedacht werden, desto überflüssiger werden die Begriffe „Abfall“ und „Rohstoff“, weil Pflanzenreste Biomasse enthalten. Fischkot ist nicht mehr Belastung, sondern Nährstoffträger. Wärme ist nicht Nebenprodukt sondern nutzbarer Energiestrom. Regenwasser ist Ressource und organische Reststoffe kein Entsorgungsproblem, sondern potenzielle Inputs. Es bleiben Stoffströme, die in unterschiedlichen Formen durch das System wandern.
Darin liegt die eigentliche Bedeutung biologischer Kreislaufwirtschaft. Sie gestaltet das System so, dass Stoffe nutzbar bleiben.
Kreislaufwirtschaft bedeutet Resilienz
Jeder lokal geschlossene Kreislauf reduziert Abhängigkeiten. Wenn Nährstoffe im System gehalten werden, sinkt der Bedarf an externen Betriebsmitteln. Wenn Wasser mehrfach genutzt wird, wird Produktion unabhängiger von Trockenperioden. Wenn Abwärme sinnvoll eingebunden wird, entstehen neue Wertschöpfungspotenziale. Wenn organische Reststoffe weiterverwertet werden, entstehen weitere Produktionspfade.
Kreislaufwirtschaft ist nicht nur eine ökologische Idee. Sie ist auch eine Strategie für robustere Betriebe, regionale Wertschöpfung und geringere Abhängigkeit von komplexen Lieferketten.
Das gilt besonders für landwirtschaftliche Betriebe, die neue Standbeine suchen, vorhandene Infrastruktur besser nutzen oder Wärme, Biomasse, Wasser und Nährstoffe intelligenter miteinander verbinden wollen.
Von der Aquaponik zum produktiven Biotop
Aquaponik ist nicht die einzige Form biologischer Kreislaufwirtschaft. Aber sie ist ein besonders anschaulicher Einstieg.
Sie zeigt, wie eng Produktion, Stoffwechsel und Systemdesign miteinander verbunden sind. Sie macht sichtbar, dass Kreislaufwirtschaft nicht erst im Recyclinghof beginnt, sondern bereits dort, wo Nährstoffe, Wasser, Energie und Biomasse im System gehalten werden.
Der nächste Schritt führt von der Aquaponik zur Multiaquaponik und weiter zum produktiven Biotop: zu Systemen, in denen verschiedene Organismen, Produktionsbereiche und Stoffflüsse miteinander verbunden werden. Wir haben ein solches produktives Biotop mit 12 Modulen bereits hier beschrieben.
Die Frage lautet daher nicht, ob biologische Kreislaufwirtschaft möglich ist.
Die Frage lautet, wie konsequent wir sie nutzen wollen.
Die Zukunft der Kreislaufwirtschaft liegt nicht nur im Recycling von Materialien, sondern ebenso in der intelligenten Nutzung biologischer Kreisläufe. Aquaponik zeigt, wie Wasser, Nährstoffe, Biomasse und Energie zu produktiven Stoffströmen verbunden werden können – nicht als Gegensatz zur Landwirtschaft, sondern als Weiterentwicklung ihrer ältesten Stärke.
Quellen:
[1.] Aktionsprogramm zur Umsetzung der Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie: https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/kabinett-kreislaufwirtschaft-2436106
[2.] Grundlagen der Aquaponik (auf dieser Website)
[3.] Multiaquaponik und produktives Biotop (auf dieser Website)























